Eine Amtsvormundschaft

Eine Amtsvormundschaft im Großherzogtum Baden
Siegfried Peter

Am 30. Oktober 1868 machte der damalige Köndringer Pfarrer Karl Ludwig Wagner im Kirchenbuch folgende Eintragung: „Ein Krebsschaden in dieser Gemeinde ist die große Anzahl unehelicher Kinder“. Wer nun glaubt, in Köndringen sei zu jener Zeit die Moral besonders schlecht gewesen, irrt sich. Nach statistischen Unterlagen waren in der Mitte des 19. Jahrhunderts im Großherzogtum Baden etwa ein Vierteil aller Geburten unehelich. Als ein Grund dafür wird in Untersuchungen zu diesem Thema die damalige soziale Lage der Bevölkerung angegeben. Noch im Jahre 1850 waren weniger als fünf Prozent der Bevölkerung in der Industrie beschäftigt. Knechte, Mägde, Tagelöhner und Heimarbeiter aber waren zu arm, um zu heiraten und einen eigenen Hausstand zu gründen. Es gab damals tatsächlich den Begriff vom „Armenzölibat“. Andere sehen in den nichtehelichen Geburten einen Protest der jungen Frauen und Männer gegen die Bevormundung durch die Obrigkeit, die Kirchen und die Eltern. Wie pragmatisch die Menschen und die Behörden im ehemaligen „Muschderländle